«--- zurück zum Menü


Kommentar von Philosoph Richard Schröder Wir gendern seit Jahrtausenden -
aber jetzt wird es wirklich absurd!
Gendern als Instrument für mehr Gleichberechtigung? In unserem Sprachgebrauch gibt es das bereits seit Jahrtausenden, aber an einem gewissen Punkt stößt unsere Sprache an ihre Grenzen. Foto: Pexels/ Magda Ehlers

Gastautor Richard Schröder

Samstag, 07.08.2021, 15:09

Wir alle gendern seit Jahrtausenden und das ist gut so. Wir nennen den Vater nicht Mutter und die Schwester nicht Bruder. Und wenn wir eine E-Mail von Andrea L. mit "Sehr geehrter Herr L." beantworten, weil wir flüchtig Andreas gelesen haben, ist uns das sehr peinlich und Andrea L. womöglich beleidigt. Wir sind also keineswegs unsensibel auf dem Gebiet - möglicherweise aber inzwischen übersensibel.

Bei den Verwandtschaftsbezeichnungen ist die Sache besonders einfach, weil hier das grammatische Geschlecht (Genus) und das biologische Geschlecht (Sexus) immer identisch sind. Die weiblichen Formen sind dabei nicht von den männlichen abgeleitet (wie etwa bei Lehrer/Lehrerin), sondern haben einen eigenen Stamm. So ist es auch bei den meisten Haustieren: der Hengst, die Stute, das Fohlen und für alle zusammen: das Pferd.

Der deutschen Sprache fehlt ein viertes Geschlecht - daraus entsteht die Gender-Problematik

Ansonsten aber sind Genus und Sexus gar nicht immer identisch. Das Deutsche kennt drei Geschlechter, Masculinum, Femininum, Neutrum, "keines von beiden". Die meisten maskulinen und femininen Wörter haben deshalb mit Sexus nichts zu tun, weil sie keine Lebewesen bezeichnen, auch wenn sie gebildet sind wie Nomina Actionis, also Täter, siehe "der Hocker", "der Seufzer", "der Schalter", gebildet wie "der Lehrer". Ebenso wenig haben die Versammlung, die Demonstration, die Mehrheit, die Tugend mit weiblicher Sexualität zu tun. Und weder sind alle Hunde männlichen noch alle Katzen weiblichen Geschlechts (Sexus). Die grammatischen Genera dienen vor allem der Zuordnung von Adjektiven und Pronomina zu Substantiven ("Kongruenz"), vergleiche die zwei Teilsätze: "Der Deckel der Kiste, der /die grün lackiert ist…"

privat

Was die Gender-Debatte im Deutschen bestimmt, ist die Tatsache, dass uns ein viertes Genus fehlt. Es wäre das Genus Utrum oder Commune: nicht "keines von beiden", sondern "beide" umfassend, nämlich männliche und weibliche Menschen. Das gibt es in skandinavischen Sprachen. Und im Englischen hat man die drei Artikel zu einem abgeschliffen. Die Glücklichen. The student, das ist eine studierende Person beliebigen Geschlechts und the students sind mehrere davon. Wenn wir das auch hätten, wäre aus unseren Gender-Kriegen die Luft raus. Aber leider haben wir versäumt, "der, die, das" zu "de" zu schrumpfen.

Das Generische Masculinum als Ersatz für das vierte Geschlecht

Wir haben aber im Deutschen einen Ersatz für das vierte Geschlecht (Genus), das sogenannte Generische Masculinum. Der Streitpunkt im Gender-Kampf kann nun auch so formuliert werden: ob es im Deutschen ein Generisches Masculinum gibt oder nicht. Das Generische Masculinum ist grammatisch männlich, kann aber sowohl Männer als auch Frauen meinen. Die einen sagen: "'Afrikaner' ist ein generisches masculinum und bezeichnet alle Bewohner Afrikas unabhängig vom Geschlecht." Die anderen sagen: "'Afrikaner' bezeichnet nur afrikanische Männer. Man erkennt das an dem Artikel ‚der'. Deshalb muss es nun: ‚Afrikaner und Afrikanerinnen' heißen. Sonst sind die Frauen unsichtbar gemacht."

Dass es im Deutschen Generische Masculina gibt, ist unbestreitbar. Beispiel: "der Mensch". Grammatisch ist das Wort maskulin, aber mehr als die Hälfte der Menschen sind Frauen.

Aber wie steht es mit Wörtern wie "Arzt" oder "Lehrer"?

Durchsage im ICE: "Für einen medizinischen Notfall bitten wir einen Arzt unter den Fahrgästen in den Wagen drei". Es ist klar, dass auch Ärztinnen diesem Aufruf folgen werden. Denn Männer und Frauen absolvieren in Deutschland genau dieselbe Ausbildung. Es gibt gar keine spezifische Ausbildung zur Ärztin.

Andere Durchsage im ICE: "Für einen medizinischen Notfall bitten wir eine Ärztin unter den Fahrgästen in den Wagen drei." Jeder Arzt männlichen Geschlechts (Sexus) versteht sofort, dass er nicht gefragt ist. Er sagt sich: Es wird sich wohl um eine strenggläubige Muslima handeln, die sich von einem männlichen, zudem ungläubigen Arzt nicht untersuchen lassen will.

Wir sind in der tatsächlichen Gleichberechtigung der Geschlechter deutlich weiter

"Für Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker". Soll das heißen, dass man Ärztinnen und Apothekerinnen nicht befragen darf? Natürlich nicht. Wir sind in der tatsächlichen Gleichberechtigung der Geschlechter weiter als die Gender-Kämpfer zugeben wollen. Übrigens ist auch der Fahrgast ein Generisches Masculinum. "Liebe Gäste und Gästinnen" ist (noch?) nicht üblich. Und vereinzelt gibt es auch Generische Feminina: die Person, die Koryphäe, die Geisel, die Wache. Das alles können auch Männer sein. Unter den Neutra gibt es das Tier und das Mitglied. "Liebe Mitglieder und Mitgliederinnen" war aber auch schon mal zu lesen.

Bei dem Wort "Mensch" wird nach wie vor das Generische Masculinum akzeptiert und nicht gefordert, dass es "Menschen und Menschinnen" heißen müsse, woraus sich dann die "Menschen- und Menschinnenrechte" ergeben würden. Auch bei Arzt wird, je nach Kontext, das Generische Masculinum akzeptiert, aber wohl nur faktisch. Dagegen wird den Nomina Actionis auf -er, wie Lehrer, bestritten, dass sie auch generisch, also Frauen einbeziehend, gebraucht werden dürfen.

Der Begriff Lehrerin ist sprachlogisch falsch

Lehrer ist nun nicht mehr nur eine Person, die lehrt, sondern des zudem männlichen Geschlechtes (Sexus) ist. Deshalb muss es nun immer "Lehrer und Lehrerinnen" heißen, wenn alle Lehrenden gemeint sind. Sprachlogisch ist das nicht korrekt. Denn das Wort Lehrerin ist ja von Lehrer abgeleitet und enthält die Endung -er, die angeblich nur Männer meint. Dann wäre ja die Lehr-er-in männlich und weiblich zugleich, was zweifellos nicht gemeint ist. Aber gegen den Brauch kommt keine sprachlogische Argumentation an. Wenn sich die Auffassung durchsetzt, dass der Lehrer immer ein Mann ist, dann hat sie sich eben durchgesetzt. Im Lateinischen gibt es bei den nomina actionis eine männliche und eine weibliche Form: vic-tor und vic-trix. Wenn wir das im Deutschen nachahmen, müsste die lehrende Frau Lehrin heißen.

"Die Lehrerin" erklärt sich historisch. Die Endung -in bezeichnet ursprünglich Zugehörigkeit. "Die schöne Müllerin" arbeitete nicht in der Mühle, sondern in Haus und Hof, also die alte Arbeitsteilung der patriarchalen Familie. Herr Meister, Frau Meistrin, dass Gott euch behüt" - diese Frau Meisterin hatte keinen Meisterbrief, sondern war mit dem Meister verheiratet.

In Sachsen hat sich ein Rest dieses alten -in erhalten, man sagt "de Müllern". Als sich diese Ordnung in kleinen Schritten auflöste, wurden auch Frauen berufstätig, zuerst Unverheiratete. Die Wortbildung auf -in änderte ihre Funktion hin zur weiblichen Berufsbezeichnung, möglicherweise zuerst für Lehrerin oder Kindergärtnerin, weil die zu den ältesten Frauenberufen mit Ausbildung gehörten. Parallel dazu wurde "Lehrer" exklusiv als männliche Lehrkraft verstanden, die Doppelnennung bürgerte sich ein. Da das als Frage der Anerkennung, der Gerechtigkeit und des Diskriminierungsverbots verstanden wird, sollten wir das grundsätzlich akzeptieren, aber nicht übertreiben.

Wir können das patriarchale Erbe unserer Sprache nicht vollständig aus der Welt schaffen

Es gibt die absichtlichen, die unbeabsichtigten und die eingebildeten Diskriminierungen. Und bitte lasst das generische masculinum bei zusammengesetzten Wörtern zu. Verbraucherschutz, Ärztekammer, Vorreiterrolle, Berufsverbrecher sollten wir nicht gendern, das ergäbe unlesbare Texte. Es ist zudem schwer vorstellbar, dass sich Frauen durch das Wort "Kurzarbeitergeld" diskriminiert fühlen, weil die Arbeiterinnen nicht berücksichtigt sind. Wir sollten ein für alle Mal die Versicherung abgeben, dass in solchen Fällen die Frauen nicht vergessen sind, sondern mit gemeint.

Die Doppelbenennungen sollten wir auf hervorgehobene Fälle, namentlich bei der Anrede vor Versammlungen, beschränken und nicht vollständig konsequent durchführen. Wir können die Tatsache, dass unsere Sprache patriarchales Erbe mit sich führt, nicht vollständig aus der Welt schaffen. Wir können aber hier und jetzt durch die Tat beweisen, dass diese Reste für uns bedeutungslos sind und unserer Achtung der Frauen keinen Abbruch tun.

Nun sind seit einiger Zeit Bemühungen im Gange, doch noch das vierte Geschlecht im Deutschen einzuführen, nämlich durch das Gendersternchen, das als "Glottisschlag" gesprochen werden soll. Es ist der Knacklaut vor dem A, wenn wir "Abend" mit "habend" oder "labend" vergleichen. Dieser Knacklaut wird zwar im Deutschen nicht geschrieben, wohl aber gesprochen und zwar nach festen Regeln. Franzosen halten ihn für typisch deutsch und haben Probleme, ihn auszusprechen. Er wird gesprochen vor Vokalen am Anfang des Wortes bzw. des Wortstamms, wenn kein Konsonant vorhergeht - gegebenenfalls also auch nach Vorsilben (be*inhalten, nicht bein-halten), aber nie vor Nachsilben. In semitischen Sprachen dagegen kommen Knacklaute auch im Wortinneren vor, weil sie dort eigenständige Bedeutungsträger (Phoneme) sind, vgl. Kana*an.

Das Gendersternchen: Die Mehrheit will sich die Zunge nicht brechen

Wer das Gendersternchen bei Lehrer*innen mit dem Knacklaut aussprechen möchte, verstößt gegen diese Regel. Wenn man vor der Nachsilbe "-innen" einen Knacklaut spricht, wird daraus das Wort "innen", der Gegensatz zu "außen". Weil aber "Lehrer innen" keinen Sinn ergibt, müssen wir diese regelkonforme Deutung des Gehörten verwerfen und eine andere suchen. So etwas frustriert. Die Mehrheit der deutschen Sprecher wird einen so gravierenden Verstoß gegen Lautgesetze (oder Gepflogenheiten) des Deutschen als anstößig, unbequem und gestelzt vermeiden und sich nicht die Zunge zerbrechen.

Die meisten Sprachen unseres Globus kennen übrigens gar kein grammatisches Geschlecht (Genus). Demnach können dort Frauen gar nicht sprachlich diskriminiert werden, sollte man denken. In Europa kennt beispielsweise das Finnische und das Türkische kein genus. Die Stellung der Frauen unterscheidet sich aber in beiden Gesellschaften extrem. Sie ist offenkundig gar nicht direkt sprachlich bedingt.


Quelle: focus.de


© infos-sachsen / letzte Änderung: - 16.01.2023 - 17:06